Hallo und herzlich willkommen auf der Rosa&Karl Demo 2014. Wir wollen nun ein paar Worte dazu verlieren, warum wir heute hier sind.

Ende Ok­to­ber 1918 ver­wei­gern deut­sche Mat­ro­sen den Be­fehl zu einer letz­ten, für sie nicht zu gewinnenden, Schlacht gegen England aus­zu­lau­fen. Sie sehen das in Aus­sicht ge­stell­te Ende des Krie­ges und die Waf­fen­still­stands­ver­hand­lun­gen in Ge­fahr. Diese Wei­ge­rung führt zum Ende der Kriegs­hand­lun­gen und zum Waf­fen­still­stand. Aus den Meu­te­rei­en ent­wi­ckelt sich der Kie­ler Mat­ro­sen­auf­stand. Der ver­lo­re­ne Krieg be­deu­tet für die da­ma­li­ge deutsche Re­gie­rung einen her­ben Le­gi­ti­ma­ti­ons­ver­lust. Die Meu­te­rei der Sol­da­ten und die Un­zu­frie­den­heit mit der Re­gie­rung und den Ver­hält­nis­sen kul­mi­nie­ren in der No­vem­ber­re­vo­lu­ti­on.

Ihr Hö­he­punkt ist die zwei­fa­che Aus­ru­fung der Re­pu­blik am 9. No­vem­ber 1918. Auf einem Bal­kon des Reichs­ta­ges ruft der SPD­ler Schei­de­mann die Re­pu­blik aus. Bei­na­he zeit­gleich ruft Karl Lieb­knecht die so­zia­lis­ti­sche Re­pu­blik aus. Schei­de­mann geht es um eine Wie­der­her­stel­lung der Ord­nung und einer Be­ru­hi­gung der Lage. Lieb­knecht da­ge­gen for­dert ge­mein­sam mit den strei­ken­den Ar­bei­ter*innen und Sol­da­ten mehr: Die Ok­to­ber­re­vo­lu­ti­on in Russ­land hat der vagen Hoff­nung auf eine so­zia­lis­ti­sche Ge­sell­schaft Ge­stalt ver­lie­hen.

Deutsch­land und Eu­ro­pa be­fin­den sich also an einem ge­schicht­li­chen Schei­de­weg, der mit den Wor­ten von Rosa Lu­xem­burg als „So­zia­lis­mus oder Bar­ba­rei“ cha­rak­te­ri­siert wer­den kann. Die SPD über­nimmt die Füh­rung in den sich teil­wei­se schon vor Kriegs­en­de ge­grün­de­ten Ar­bei­ter- und Sol­da­ten­rä­ten und kann damit den Weg in die Wei­ma­rer Re­pu­blik ebnen. Zuvor je­doch pak­tiert sie mit den na­tio­na­len Kräf­ten und Frei­korps, um die linke Op­po­si­ti­on un­schäd­lich zu ma­chen: Die Köpfe der erst an Sil­ves­ter 1918 ge­grün­de­ten KPD, Rosa Lu­xem­burg und Karl Lieb­knecht, wer­den auf den Be­fehl des SPD­lers Gus­tav Noske am 15. Ja­nu­ar 1919 im Tier­gar­ten von Frei­korps er­schos­sen.

Zuvor flammt im Januaraufstand für kurze Zeit der Wi­der­stand gegen den Über­gang zur Ta­ges­ord­nung und die nicht ein­ge­lös­ten Hoff­nun­gen auf einen so­zia­lis­ti­schen Wan­del wieder auf. Auslöser ist die Absetzung des USPD-nahen Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorn durch die Ebert-Scheidemann-Regierung am 5. Januar. Nach einem Aufruf der USPD und der „Revolutionären Obleute“ versammeln sich hunderttausende Arbeiter*innen am darauffolgenden Tag im Tiergarten. Einige beschließen spontan das Gebäude des „Vorwärts“ in der Lindenstraße 3, nicht unweit vom heutigen Willy-Brandt-Haus, zu besetzen. Im Anschluss an die Besetzung des „Vorwärts“ besetzen andere Gruppen Berliner Arbeiter*innen für einige Tage das ganze Zeitungsviertel von Berlin.

Diese spontanen Aktionen werden vom aus Karl Liebknecht, USPD und „Revolutionären Obleuten“ gebildeten „Revolutions-Ausschuss“ weder geplant noch geleitet. Während in der Woche vom 6. bis 10. Januar 1919 die Kämpfe im Zeitungsviertel toben und täglich mehrere Opfer auf Seiten von Regierungsanhängern und Arbeiter*innen fordern, mobilisiert der SPDler Gustav Noske vor den Toren Berlins reaktionäre Kräfte um den Aufstand im Zeitungsviertel niederzuschlagen. Truppen aus Mitgliedern der ehemaligen Garde-Schützen-Kavallerie-Division und reaktionäre Freikorps ziehen am Abend des 10. Januar in die Stadt ein und brechen den Widerstand der Arbeiter*innen. Uneinigkeit innerhalb der Berliner Arbeiter*innenschaft und dem „Revolutions-Ausschuss“ führen dazu, dass die militärisch schwerbewaffneten Noske-Truppen leichtes Spiel haben. Ein Besetzer des „Vorwärts“-Gebäudes berichtet über die Ereignisse am 11. Januar:

„Wir hatten immer noch die Hoffnung, daß die Arbeiterschaft von Berlin uns beistehen würde. Seit Tagen gingen gern geglaubte Gerüchte unter der „Vorwärts“-Besatzung um, daß hunderttausend Arbeiter im Rücken der Noske-Truppen aufmarschieren würden. Noch in der letzten Nacht vor dem Angriff der Regierungstruppen hieß es, daß die Arbeiter der Schwarzkopfwerkwerke und ein nach Tausenden zählender Zug bewaffneter Arbeiter aus Spandau zu unserer Hilfe im Anmarsch sei. Immer wieder glaubten wir Signale im Rücken der Noske-Truppen zu hören. Es waren Illusionen.“1

Tatsächlich bildet sich im Verlauf des Aufstands eine Einigungsbewegung innerhalb der Betriebe. Diese umfasste in Berlin mehr als 200 000 Arbeiter aller sozialistischen Parteien, einschließlich der SPD, und breitet sich auch auf andere industrielle Zentren in Deutschland aus. Sie fordert einstimmig ein Ende des Blutvergießens im „Bruderkampf“ zwischen SPD-Regierung und Arbeiter*innen. Arbeiter*innendelegationen werden zum SPD-Zentralrat, zur USPD, den „Revolutionären Obleuten“ und zur KPD-Führung entsandt mit den Forderungen nach Rücktritt der Ebert-Scheidemann-Regierung und dem Rücktritt der Führung der sozialistischen Parteien um eine Vereinigung aller drei Parteien zu ermöglichen. Auf allen Ebenen soll die Verwaltung von Arbeiter*innenkomitees übernommen und die Arbeiter*innen- und Soldatenräte neu gewählt werden. Doch ihre Forderungen finden keinen Anklang in der SPD und KPD-Führung.2

Rosa Luxemburg berichtete beinahe täglich über den Verlauf des Kampfes. Obwohl sie selbst von den Ereignissen überrascht wurde ergriff sie energisch Partei für den spontanen Aufstand der Arbeiter*innen. Aber auch wenn sie es versäumte die Einigungsbewegung ernst zu nehmen und ihre Vorurteile ihr den Blick auf die Möglichkeiten dieser spontanen Massenbewegung versperrten, so bleibt doch festzustellen, dass der Januaraufstand, und damit die Möglichkeit einer sozialistischen Revolution, letzten Endes nicht an der eigenen Uneinigkeit oder „historischen Notwendigkeit“ scheiterte, sondern deshalb, weil er gewaltsam von der SPD-Regierung im Pakt mit den alten Eliten niederschlagen wurde.

Erinnert sei in diesem Zusammenhang auch an Luxemburgs letzten Aufsatz vor ihrer Ermordung, in dem sie schrieb: „Die Führung hat versagt. Aber die Führung kann und muß von den Massen und aus den Massen heraus neugeschaffen werden. Die Massen sind das Entscheidende, sie sind der Fels, auf dem der Endsieg der Revolution errichtet wird.“ Sie blieb damit ihren Prinzipien treu: nicht die Führer, sondern die Massen haben über die Verwirklichung des Sozialismus zu entscheiden. Ihr Aufsatz endet mit den berühmten Worten:

„Ordnung herrscht in Berlin! Ihr stumpfen Schergen! Eure Ordnung ist auf Sand gebaut. Die Revolution wird sich morgen schon rasselnd wieder in die Höh’ richten und zu eurem Schrecken mit Posaunenklang verkünden: Ich war, ich bin, ich werde sein!“3

Aber was heißt es für uns hier und heute an diesem Ort zu sein? Wenn wir Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und der Bewegung 1918/1919 gedenken, dann deshalb, weil wir uns unserer eigenen Geschichte bemächtigen wollen. „In jeder Epoche muß versucht werden, die Überlieferung von neuem dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff steht, sie zu überwältigen.“4 Aber wir müssen auch daran erinnern, dass die Geschichte keine Einbahnstraße zum Paradies ist. Walter Benjamin schrieb über den Engel der Geschichte:

„Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert.“5

Lasst uns für einen Ausbruch aus dieser Katastrophe streiten und die uneingelösten Versprechen einfordern, aber immer mit fragenden Blick in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft!

  1. Retzlaw, Karl: Vorwärts. In: Boehncke, Heiner: „Vorwärts und nicht vergessen“ Ein Lesebuch. Klassenkämpfe in der Weimarer Republik. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 1973, S. 21-29 [zurück]
  2. vgl. Luban, Ottokar: Demokratische Sozialistin oder „blutige Rosa“? Rosa Luxemburg und die KPD-Führung im Berliner Januaraufstand 1919. In: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. 2/1999. S. 176-208 [zurück]
  3. Luxemburg, Rosa: Gesammelte Werke. Band 4. August 1914 bis Januar 1919. Hrsg. Vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Berlin (Ost), 1974, S. 533-538 [zurück]
  4. Benjamin, Walter: Über den Begriff der Geschichte. In: ders.: Sprache und Geschichte. Philosophische Essays, Philipp Reclam Verlag, Stuttgart, 1992, S. 144 [zurück]
  5. ebenda, S. 146 [zurück]