Guten Morgen und herzlich willkommen zur Rosa und Karl Demonstration 2014!

Wir wollen heute Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht gedenken und mit ihnen den vielen anderen, die sich nach und während des Ersten Weltkriegs gegen das Bestehende auflehnten und etwas anderes, etwas Neues wollten. Dabei geht es uns nicht nur um die Spartakist_innen und die spätere KPD, sondern um alle die 1918/19 den Übergang in die Normalität einer kapitalistischen, wenn auch demokratischen, Gesellschaft nicht akzeptierten und mehr forderten. Wir gedenken den Räten, den revolutionären Obleuten, der basisgewerkschaftlichen Bewegung, die auch schon vor 1918/19 gegen den Krieg und das Herrschende streikten und 1920 den Fall in die endgültige Barbarei verhinderten.

Den Jahren 1918/19 zu gedenken, bedeutet für uns nicht in erster Linie zu trauern oder zu verklären, sondern zu zeigen, dass auch, wenn diejenigen, die Befreiung forderten niedergeschlagen wurden, ihre Forderung, ihr Versuch erinnert bleibt und uns als Zeichen einer uneingelösten Forderung, einer Niederlage gilt. Denn diese Niederlage bedeutet nichts anderes als das wir auch heute noch, 95 Jahre später, nicht in der befreiten Gesellschaft leben. Das der Verein Freier und Gleicher, der Kommunismus, etwas ist, was es noch zu erkämpfen gilt.

Weil für uns das Gedenken an die Ereignisse von 1918/19 ein Gedenken an die Niederlage im Kampf um Befreiung ist, erklären wir uns nicht bereit, es an die abzutreten, die mit ihrem totalitären und etatistischen Fortschrittsdenken die Geschichte für sich vereinnahmen wollen. Die alle sogenannten „linken“ Revolutionen in eine Reihe stellen, unabhängig vom Gehalt ihrer Praxis und Theorie und ihrem Anspruch an Befreiung. Denen, die Herrschaft im Namen der Befreiung propagieren, werden wir auch weiterhin entgegen rufen: Nein, nein, das ist nicht der Kommunismus! Und solange Menschen behaupten den „Sozialismus in seinem Gang halt weder Ochs noch Esel an“ und probieren solche Absurditäten mit einer Einheitsfront-Geschichte, einem linken Gegenmythos zu legitimieren, werden wir die Brüche in der Geschichte aufzeigen, werden kritisieren, hinterfragen und jede Form der Mythisierung, ob nun autoritär-marxistisch oder nationalistisch angreifen. Die Geschichte ist offen!
Rosa Lu­xem­burg und Karl Lieb­knecht und mit ihnen der Nie­der­la­ge im Kampf für eine befrei­te Welt zu ge­den­ken, be­deu­tet deshalb, sich be­wusst zu ma­chen, dass eine historische Chan­ce ver­passt wurde. Ende 1918/ An­fang 1919 be­stand die Mög­lich­keit einer so­zia­lis­ti­schen Re­vo­lu­ti­on in Deutsch­land. Ob sie je­doch im Er­geb­nis eman­zi­pa­to­risch gewe­sen wäre, ist damit noch nicht ausge­macht. Hier mahnt uns die Re­vo­lu­ti­on in Russland, die im Er­geb­nis eine Dik­ta­tu­r hervorgebracht hat. Diese Form Ge­schich­te zu betrach­ten macht uns mutig und vor­sich­tig: Mutig, weil es eben keine Zwangs­läu­fig­keit ist, heute in einer der­art ver­fass­ten Ge­sell­schaft zu leben. Vorsich­tig, weil wir wis­sen, dass neben allen zu er­kämp­fen­den Ver­bes­se­run­gen auch die Ge­fahr be­steht, dass Hoff­nun­gen und Er­war­tun­gen ent­täuscht wer­den.

Diese Vorsicht führt uns zur genauen Untersuchung, zur Kritik des Gegenstands 1918/19. Weder glauben wir die historische Situation wäre die gleiche wie heute, noch können wir Praxis und Theorie dieser Zeit ungebrochen auf uns übertragen. Die Geschichte zeigt uns gerade nicht in erster Linie wie es geht, sondern was nicht funktioniert, wo geirrt, wo verloren wurde. Wie ein Spiegel zeigt uns das, an welchen Stellen unsere Praxis verirrt und verloren ist. So wird Gedenken nicht das bloße Zurückblicken, es wird zur kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Politik.
Denn der Maß­stab unser Ge­schichts­be­trach­tung ist die For­de­rung nach Be­frei­ung. Gleichzei­tig sollte das auch Maß­stab der ei­ge­nen Pra­xis sein.

Oder wie Karl Marx es im 18. Brumaire formulierte:
„Proletarische Revolutionen […] kritisieren beständig sich selbst, unterbrechen sich fortwährend in ihrem eignen Lauf, kommen auf das scheinbar Vollbrachte zurück, um es wieder von neuem anzufangen, verhöhnen grausam-gründlich die Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten ihrer ersten Versuche, scheinen ihren Gegner nur niederzuwerfen, damit er neue Kräfte aus der Erde sauge und sich riesenhafter ihnen gegenüber wieder aufrichte, schrecken stets von neuem zurück vor der unbestimmten Ungeheuerlichkeit ihrer eigenen Zwecke, bis die Situation geschaffen ist, die jede Umkehr unmöglich macht.“

Und so gibt uns die Geschichte keine Antworten. Sie stellt uns Fragen, die es noch zu lösen gilt:
Wie sieht eine linke Intervention in die Produktion ohne Staatsgläubigkeit und nationalen Protektionismus aus?
Wie geht nicht mythisches Gedenken?
Was ist eigentlich mit Räten?
Ist die Erzählung von der verratenen Revolution nicht auch ein Mythos, zumindest wenn dabei nur die Spartakist_innen erwähnt werden?
Und wie kommen wir jetzt eigentlich zum Kommunismus?

Wir haben die letzten Wochen genau solche Fragen diskutiert auf Podien, Konferenzen, der Aktionswoche,abends beim Bier, bei Plena und auf Bündnistreffen und wir werden nicht aufhören zu fragen.

Fragend blicken wir zurück. Fragend schreiten wir voran.