Wer hat uns verraten…1918/1919

Dieser Text ist der dritte und abschließende Teil unseres vollständigen Aufrufs.
Teil1 dreht sich um den Umgang mit linker Geschichte, der Teil 2 beschäftigt sich mit dem Verhältnis der Linken zum Staat.

Ende Oktober 1918 verweigern deutsche Matrosen den Befehl zu einer letzten, für sie nicht zu gewinnenden, Schlacht gegen England auszulaufen. Sie sehen das in Aussicht gestellte Ende des Krieges und die Waffenstillstandsverhandlungen in Gefahr. Diese Weigerung führt zum Ende der Kriegshandlungen und zum Waffenstillstand. Aus den Meutereien entwickelt sich der Kieler Matrosenaufstand. Der verlorene Krieg bedeutet für die damalige deutsche Regierung einen herben Legitimationsverlust. Die Meuterei der Soldaten und die Unzufriedenheit mit der Regierung und den Verhältnissen kulminieren in der Novemberrevolution.
Der groteske Höhepunkt ist die zweifache Ausrufung der Republik am 9. November 1918. Auf einem Balkon des Reichstages ruft der SPDler Scheidemann die Republik aus. Beinahe zeitgleich ruft Karl Liebknecht die sozialistische Republik aus. Scheidemann geht es um eine Wiederherstellung der Ordnung und einer Beruhigung der Lage. Liebknecht dagegen fordert gemeinsam mit den streikenden Arbeiter*innen und Soldaten mehr: Die Oktoberrevolution in Russland hat der vagen Hoffnung auf eine sozialistische Gesellschaft Gestalt verliehen.
Deutschland und Europa befinden sich also an einem geschichtlichen Scheideweg, der mit den Worten von Rosa Luxemburg als „Sozialismus oder Barbarei“ charakterisiert werden kann. Die SPD übernimmt die Führung in den sich teilweise schon vor Kriegsende gegründeten Arbeiter- und Soldatenräten und kann damit den Weg in die Weimarer Republik ebnen. Zuvor jedoch paktiert sie mit den nationalen Kräften und Freikorps, um die linke Opposition unschädlich zu machen: Die Köpfe der erst an Silvester 1918 gegründeten KPD, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, werden auf den Befehl des SPDlers Gustav Noske am 15. Januar im Tiergarten von Freikorps erschossen.
In der Folge ihrer Ermordung spitzte sich der Januaraufstand in den Ausrufungen der Räterepubliken von Bremen bis München zu. Noch einmal flammte für kurze Zeit der Widerstand gegen den Übergang zur Tagesordnung und die nicht eingelösten Hoffnungen auf einen sozialistischen Wandel auf. Das formale Ende der schon Ende Mai niedergeschlagenen Kämpfe bildete die Verabschiedung der Weimarer Verfassung am 11. August 1919.

Rosa Luxemburg lehnte sich sowohl gegen den Revisionismus der Sozialdemokratie wie gegen die Avantgardetheorie der Bolschewiki auf. Sie stand zwischen den Stühlen und bleibt eine zwiespältige Person, die sowohl in der Theorie als auch in ihrer Praxis für eine befreite Gesellschaft einstand. Vehement stritt sie dafür, „durch revolutionäre Taktik zur Mehrheit“ und zum eigenen politischen Handeln zu finden. Ohne Emanzipation von kapitalistischer und staatlicher Herrschaft war für Rosa Luxemburg keine Veränderung hin zum Sozialismus denkbar.

Karl Liebknecht setzte sich früh, und schon damals gegen den Widerstand nicht weniger SPD-Mitglieder, für die Stärkung der Jugendverbände ein und gründete 1907 die Sozialistische Jugendinternationale. In seinem entschiedenen Eintreten gegen den Ersten Weltkrieg und die Burgfriedenspolitik der Sozialdemokratie verließ er 1916 die SPD, engagierte sich im Spartakusaufstand und war an der Gründung der KPD beteiligt. Was die Bewegung um ihn und Rosa Luxemburg auszeichnete, waren ihre Versuche, die antimilitarische Stimmung der Nachkriegswirren zu nutzen und die Arbeiter*innenaufstände zur befreiten Gesellschaft hin zu radikalisieren.

Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht und mit ihnen der Niederlage im Kampf für eine befreite Welt zu gedenken, bedeutet deshalb, sich bewusst zu machen, dass damit eine historische Chance verpasst wurde. Ende 1918/ Anfang 1919 bestand die Möglichkeit einer sozialistischen Revolution in Deutschland. Ob sie jedoch im Ergebnis emanzipatorisch gewesen wäre, ist damit noch nicht ausgemacht. Hier mahnt uns die Revolution in Russland, die im Ergebnis eine der schlimmsten Diktaturen des 20. Jahrhundert hervorgebracht hat. Diese Form Geschichte zu betrachten macht uns mutig und vorsichtig: Mutig, weil es eben keine Zwangsläufigkeit ist, heute in einer derart verfassten Gesellschaft zu leben, vorsichtig, weil wir wissen, dass neben allen zu erkämpfenden Verbesserungen auch die Gefahr besteht, dass Hoffnungen und Erwartungen enttäuscht werden.

„Wir müssen nichts so machen wie wirs kennen, nur weil wirs kennen wie wirs kennen.“ (Die Sterne)

Trotzdem kann der Kampf jener Bewegungen nicht unserer sein – zu unterschiedlich sind die Umstände, zu verschieden die Herausforderungen, zu anders Denken und Fühlen. Unser Anspruch an ein emanzipatorisches Gedenken ist das Erinnern an die Widersprüche innerhalb der Geschichte der Arbeiter*innenbewegung. Nur aus der Beschäftigung mit ihnen kann eine emanzipatorische Politik für die Gegenwart hervorgehen, denn all diese Widersprüche zeigen eines: Es gibt keine einfache Geschichte, kein simples schwarz und weiß.
Eine „linke“ Heiligenverehrung mit übergroßen Porträts vermeintlicher Ikonen, unkritisch aneinandergereiht, passt nicht zu unserer Form des Gedenkens. Das ist politische Religion, zutiefst reaktionär und dogmatisch.

Unser Gedenken – und damit eine gesamte Veranstaltungswoche und Demonstration stehen im Zeichen eines Eintreten für eine bessere Gesellschaft jetzt und hier. Ausbeutung und Arbeitszwang auf der einen und Massenarbeitslosigkeit auf der anderen Seite, nicht eingelöste Glücksversprechen eines guten Lebens für alle, Perspektivlosigkeit bei jungen und alten Menschen, ein auf die Verwertung sogenannter „Humanressourcen“ ausgerichtetes Bildungssystem, nationaler Wirtschaftsprotektionismus und ein unsolidarisches Europa geprägt auch von einer Erstarkung der Rechten und den rassistischen Aufmärschen in Berlin-Hellerdorf, Duisburg, Schneeberg… – all dies sind die widersprüchlichen und rational-irrationalen gesellschaftlichen Gegebenheiten des Kapitalismus, die weit entfernt sind von dem, was wir uns vorstellen.

Als Jugendverbände in der Tradition der Arbeiter*innenjugend sind wir nicht bereit, die menschenunwürdigen Bedingungen, die der Kapitalismus schafft, weiter hinzunehmen. Wir sind gefordert, aufzustehen, uns zu bilden und zu organisieren, um den bestehenden Verhältnissen eine Welt der Freien und Gleichen entgegenzusetzen.

Wir rufen auf: Kommt zu unseren Veranstaltungen vom 4. – 11. Januar und diskutiert mit uns! Kommt zu unserer Demonstration am 12. Januar!