„Fragend blicken wir zurück. Fragend schreiten wir voran.“

Der folgende Text ist der erste von drei aufeinander aufbauenden Positionierungstexten.

Die Abschaffung aller Herrschaft haben die Kommunist_innen versprochen. Und solange sie erinnert werden, werden sie nie mehr aufhören, es versprochen zu haben. (Bini Adamczak)

Die Erinnerung an bestimmte historische Entwicklungen und ihre Analyse sind bedeutender Teil „linker“ Bewegungen. Je nach geschichtsphilosophischem Ansatz erfüllt hierbei die Auseinandersetzung mit Geschichte ganz unterschiedliche Funktionen. Vor über einem Jahr haben wir uns als „Rosa&Karl“ – Bündnis in den Diskurs um das Erinnern an die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht hinein begeben. Im Januar 2013 fand eine alternative Aktionswoche und Demonstration zum Gedenken an die Kämpfe der Jahre 1918/19 statt. Wir wollen auch weiterhin unseren Anspruch an Geschichtserzählungen deutlich machen.

Dafür scheint es uns notwendig, zunächst die Funktion von Geschichte für Staaten zu untersuchen, denn genau die gibt uns einen Hinweis auf eine andere, emanzipatorische Form der Erzählung. Geschichte wie sie uns in der Schule vermittelt wird, aber auch wie sie im Bewusstsein der meisten Menschen verankert ist, abgesehen von den Foucault nacheifernden Geschichtswissenschaftler*innen, ist eine nationale Fortschrittsgeschichte. Dabei werden Brüche, Momente des Aufbegehrens, selbst Katastrophen wie die Shoah, in eine lineare Geschichtserzählung gepresst und entweder durch Abgrenzung oder Identifikation vereinnahmt.

Am Ende steht die unvermeidliche Behauptung, dass eben diese Aneinanderreihung willkürlicher Ereignisse einerseits notwendig determiniert war und sich andererseits schlussendlich zur bestmöglichen Form entwickelt hat (in unserem Fall also die BRD). Dabei werden selbst so offensichtliche Brüche wie die 1918/19er Bewegung oder die 68er unter der Vorgabe die alten Probleme wären ja gelöst und die „hätten es halt nur ein bisschen übertrieben“ eingemeindet. Das Teile dieser Bewegungen in solchen Momenten jedoch mehr forderten, nämlich die Gesellschaft der Freien und Gleichen, steht selten im Focus der Geschichtserzählung. Unsere Aufgabe muss es sein vehement darauf hin zu weisen. Allerdings ergibt sich genau aus diesem Anspruch die Frage des Wie, auch wenn das Warum zumindest schon teilweise geklärt zu sein scheint.

Eine der Antworten, die Historiker*innen im Realsozialismus gaben, war der Gegenmythos. So wie die BRD eine Fortschrittsgeschichte schrieb, wurden etwa in der DDR linke Niederlagen als notwendige Schritte zum Realsozialismus umgedeutet. Diese Art der Geschichtserzählung, die leider auch nach 1990 in der Linken weit verbreitet ist, bleibt genauso linear und vereinnahmend wie die Nationalgeschichte. Der Wunsch der bürgerlichen Geschichtserzählung etwas entgegen zu setzen führt hier dazu, sogenannte „revolutionäre“ Kämpfe in der Geschichte unabhängig von ihren tatsächlichen Zielen oder vollkommenen Unabhängigkeit voneinander als eine lange Reihe gleicher Kämpfe zu begreifen. An deren Ende steht die jeweilige Gruppe, Bewegung oder Demo, die sich aus dieser unkritischen Überidentifikation selbst legitimiert.

Diese Identifikation macht unkritisch, sowohl der Vergangenheit, als auch sich selbst gegenüber. Dagegen wollen wir eine Betrachtung linker Niederlagen (denn leider leben wir noch nicht in der befreiten Gesellschaft) setzen, die Unterschiede historischer Praxen, Probleme und Analysen aufzeigt. Es geht weder darum sich in eine lange Ahnenreihe zu stellen, noch einfach zu übernehmen, was andere gedacht haben. Der Maßstab der Geschichtsbetrachtung wird die Forderung nach Befreiung, doch gleichzeitig sollte das auch Maßstab der eigenen Praxis sein. Gedenken heißt für uns also der kritische Blick in die Vergangenheit, der uns zur Kritik der eigenen Praxis verhilft.

Doch die Erkenntnis, dass die Befreiung gefordert wurde, jedoch nicht umgesetzt wurde, ist auch eine Motivation. Wir versuchen Geschichte als undeterminiert zu begreifen und somit ist jede Niederlage im Kampf um Befreiung ein weiterer Moment in der sie möglich erschien (war?). Kapitalismus, Patriarchat und Rassismus sind keine historischen Zwangsläufigkeiten. Die Befreiung von alledem wurde versprochen und versucht umzusetzen. Es sollte uns also verdammt wütend machen uns immer noch in diesen gesellschaftlichen Verhältnissen vor zu finden.

Die Fortsetzung findet ihr hier:„Zwischen Lassalle und Stalin – Der Etatismus der Linken“